Schnee auf Spiekeroog

Helga Jahnel

Hein ächzte seiner Hündin Sansibar hinterher auf den Deich, sah auf das offene Meer und erstarrte: Weniger als 100 Meter mochten noch zwischen der Küste und den Segeln liegen, die er nun deutlicher sehen konnte, weil sie von innen heraus zu glühen schienen, wie die Kehlsäcke der Fregattvögel. Um die Masten tanzten Elmsfeuer und tauchten das Deck in ein schwaches Licht. Keine Menschenseele an Bord, selbst die Form des Rumpfes waberte wie eine Fata Morgana – und verschwand nach wenigen Augenblicken. Auch der Sturm hatte nachgelassen, nur der Nebel lag schwer und dicht über Spiekeroog.
„Du hast den Fliegenden Holländer gesehen und das verheißt nichts Gutes“, meinte seine Schwester Jule wenig später und schickte ihn ins Bett. „Morgen müssen wir früh raus an den Strand und mithelfen.“
Am nächsten Morgen waren bereits etliche Nachbarn unterwegs, um all den Plastikkram einzusammeln, als die drei dazustießen.
Das Gelb der Gummistiefel und das Blau der Müllsäcke bildeten die einzigen Farbtupfer am Strand, der sich ebenso grau zeigte, wie der Himmel über und die See vor ihnen. Sansibar jagte kurz ein paar Möwen hinterher, bevor sie sich an den Aufräumarbeiten beteiligte.
„Braves Mädchen“, Hein zog ihr einen alten Turnschuh aus dem Maul. „Was die Leute so alles wegwerfen …“
Die Hündin drehte sich um, lief in Richtung Düne, schaute zurück zu Hein und bellte. Vor einem niedrigen Gestrüpp aus Strandhafer und Heckenrosen blieb sie stehen und jaulte.
Hein wurde blass. Vor ihm lag ein dunkelhäutiger Junge in gekrümmter Haltung. Reglos. Der Bursche mochte vielleicht zehn Jahre alt sein. An der aufgesprungenen Lippe klebte vertrocknetes Blut. Ein Schuh fehlte. Den hielt Hein in der Hand.

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