Der Engel des Todes

Stephanie Zibell

„Ach,“ sagte die junge Frau am Ende der Weinprobe zu dem Winzer, „bei Ihnen war es so schön, und Ihr Wein schmeckt so köstlich. Wäre es möglich, dass wir mit einer Gruppe von Weinfreunden, rund 15 bis 20 Personen, am ersten Weihnachtsfeiertag zu Ihnen zu einer Festweinprobe kommen dürfen? […]“

Sie lächelte. In ihren Augen spiegelte sich das Licht der Kerzen, mit denen der romantische Holzfasskeller illuminiert war. Der Winzer, ein kleiner, gemütlicher Mann mit einem Bäuchlein, das beinah so rund war wie die Bäuche seiner Fässer, lächelte plötzlich nicht mehr.

„Am 25. Dezember?“ fragte er beinahe drohend und fuhr in schroffem Tonfall fort: „Das geht nicht! Auf gar keinen Fall!“

Die junge Frau war ebenso überrascht wie ratlos. […]

„Hören Sie,“ sagte der Winzer, nun wieder etwas verbindlicher, „bei uns in Erbach geht am 25. Dezember niemand auf die Straße, und keiner empfängt Besuch. Wir bleiben zu Hause und rühren uns nicht vom Fleck, bis die Glocken von Sankt Markus Mitternacht schlagen!“

„Warum das denn?“ erkundigte sich die Frau. „Das habe ich ja noch nie gehört.“

„Wenn ich Ihnen einen guten Rat geben darf, meine Dame, dann diesen,“ sagte der Winzer mit eindringlicher Stimme, „Halten Sie sich am 25. Dezember, dem ersten Weihnachtsfeiertag, von Erbach fern! Erst recht, wenn es dunkel ist!“

Die junge Frau schüttelte verwirrt den Kopf.

[…] Als sie […] sich verabschieden wollte, öffnete sich eine Tür zu den gegenüberliegenden Räumen, und das Gesicht einer uralten Frau erschien im Türspalt.

„Nehmen Sie sich in Acht!“ zischte sie, „Nehmen Sie sich in Acht vor dem Weihnachtsengel von Erbach…“

„Verschwinde, Mutter!“ giftete die Winzersfrau.

„Der weiße Engel des Todes…,“ raunte die alte Frau noch, ehe sie die Tür wieder schloss.

[…]

Natürlich ließ der „Weiße Engel des Todes“ oder der „Weihnachtsengel von Erbach“ die junge Frau nicht los. Sie wollte unbedingt herausbekommen, was es mit dem Erbacher Weihnachtsgeheimnis auf sich hatte.

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